Huckleberry Finns Abenteuer - Spielkisten

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  • Apr 14, 2015
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1 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Fr Kinder zum Vorlesen ab 8 Jahren Mark Twain Neu erzhlt von Maria Seidemann Markus Zller (Illustrationen) Huckleberry Finns Abenteuer KINDERBUCHKLASSIKER ZUM VORLESEN ber dieses Buch Tom Sawyer und Huckleberry Finn das ist die Geschichte zweier Jungen, die sich nach Abenteuern und einem freien Leben sehnen. In dem Roman Huckleberry Finns Abenteuer werden die Schicksale der jugendlichen Helden aus dem Buch Tom Sawyers Abenteuer weiterverfolgt. Die ursprngliche Romanfassung ist aber sehr umfangreich. Deshalb wurde der Text in dieser Ausgabe fr jngere Zuhrer und Leser aufbereitet und inhaltlich sowie sprachlich angepasst. So weicht diese Vorlese-Ausgabe teilweise von der literarischen Vorlage ab. Brutale Szenen und drastische Beschreibungen wurden nicht aufgenommen. Diese Bearbeitung soll ein Appetit-Happen sein, der neugierig machen kann auf die Originalfassung des groen Jugendromans von Mark Twain. Der Autor, Samuel Langhorn-Clemens, arbeitete als Schriftsetzer und Reisejournalist, war Steuermann auf einem Mississippi-Dampfer und versuchte sich als Goldgrber. Im Jahr 1876 erschien sein Roman Tom Sawyer und 1884 Huckleberry Finn. Das Pseudonym Mark Twain, unter dem er als Schriftsteller berhmt wurde, entnahm er seinem Beruf als Steuermann auf dem Mississippi. Mark Twain bedeutet: zwei Faden Wassertiefe. 1

2 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Bei der Witwe Douglas Na endlich! Wo warst du denn so lange?, rief mein Freund Tom, als ich zum Flussufer kam. Er hatte schon zwei Barsche gefangen, sie brieten ber einem Feuerchen und rochen so gut! Ich bekam sofort gute Laune und holte meine Angel aus dem Versteck. Ich musste arbeiten, sagte ich. Die Witwe Douglas meint, ein anstndiger Mensch soll jeden Tag sein Brot durch Arbeit verdienen. Heute musste ich Rben ausgraben, zusammen mit Jim. Tom verdrehte mitleidig die Augen. Eigentlich fand ich die Witwe Douglas nett sie hatte mich aufgenommen, als ich im Winter nicht wusste, wo ich unterkommen sollte. Als ich Hunger hatte und keine warmen Sachen am Leib. Sie gab mir genug zu essen und anstndige Klamotten. Sie schickte mich auch zur Schule. Das Stillsitzen war zwar nicht mein Ding. Aber in der Schule traf ich jeden Tag meinen Freund Tom Sawyer. Genau wie ich hatte Tom keine Eltern mehr, er lebte bei seiner Tante Polly. Tom bekam fter mal Prgel, weil er ziemlich frech war. Ich dagegen kriegte nie was ab. Denn die Witwe glaubte, der liebe Gott will nicht, dass Kinder geschlagen werden. Sie war sehr fromm und ich musste jeden Tag mit ihr dafr beten, dass ich ein anstndiger Mensch wrde. Aber ich wusste gar nicht, ob ich berhaupt ein anstndiger Mensch sein wollte. Viel lieber lag ich jeden Nachmittag mit Tom am Ufer, wir schauten den groen Raddampfern nach und den Holzflern, die Hunderte von Baumstmmen auf dem Fluss zum Verkauf in die groen Stdte brachten. Wir kriegen Hochwasser, sagte Tom. Er hatte recht. Das Wasser stand schon einen halben Meter hher als am Vortag. Hochwasser ist toll, man kann viele Dinge im Fluss treiben sehen: kaputte Boote, Gartenzune, Schubkarren, Koffer ... Wenn man geschickt ist und ein guter Schwimmer, kann man sich allerhand Brauchbares aus dem Fluss fischen. Wir blieben bis zum Abend am Ufer. Es war stockdunkel, als ich nach Hause kam. Im Schlafzimmer der Witwe brannte kein Licht mehr. Darber war ich froh, so musste ich mir keine Vorwrfe und Seufzer anhren. Pltzlich zuckte ich zusammen. Neben der Haustr lehnte eine riesige schwarze Gestalt. Ihre Augen leuchteten wie zwei Lampen und ber ihrem Kopf schwebte eine Rauchwolke. Ein Geist! Aber dann musste ich lachen: Das war doch Jim, der Sklave 2

3 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! der Witwe! Er paffte seine Maiskolbenpfeife. Weil er so schwarz ist, hatte ich ihn im Dunkeln nicht erkannt. Auf einmal sah ich, dass er weinte. Was ist passiert, Jim? Ach, Huck, ich muss weg von hier. Die Witwe wird mich verkaufen. Heute hat ihr ein Sklavenhndler achthundert Dollar fr mich geboten, weil ich jung, gesund und stark bin. Stell dir vor, so viel Geld! Da kann sie nicht Nein sagen. Morgen will er wiederkommen. Ich sagte: Vielleicht hast du es woanders besser als bei der Witwe. Sie lsst dich doch ziemlich hart schuften! Aber er seufzte nur und sagte: Das verstehst du nicht. Am nchsten Morgen war Jim verschwunden. Einfach abgehauen. Die Witwe nahm ihren Krckstock und humpelte zu unserem Nachbarn. Der trommelte gleich einen Trupp bewaffneter Mnner zusammen. Aber obwohl sie mit Hunden suchten, fanden sie Jim nicht. Von diesem Tag an hatte ich nichts mehr zu lachen. Die ganze Arbeit, die bisher Jim erledigt hatte, blieb an mir hngen. Denn die Witwe ist nicht nur alt, sie ist auch krank und kann ihren Haushalt nicht mehr alleine bewltigen. Natrlich musste ich nicht kochen, das kann ich nmlich nicht. Ich kann nur Fische am Feuer braten. Die Frauen von der Kirchengemeinde kamen abwechselnd und halfen der Witwe, sie kochten und putzten und kmmerten sich um die Wsche. Aber Brennholz fr den Winter zu hacken, das war jetzt meine Sache. Ich musste auch mit dem Handwagen zum Markt gehen und einkaufen. Vor allem aber sollte ich mich um den Garten kmmern: die abgeernteten Beete umgraben, die Herbstsaat ausbringen, Erdmieten fr Kartoffeln und Rben anlegen. Vor allem das Unkrauthacken hasste ich wie die Pest. 3

4 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Jim war es gewohnt, den ganzen Tag zu schuften und nie frei zu haben, er war schlielich ein Schwarzer, ein Sklave. Aber ich? Trotzdem war mir klar, dass ich es machen musste. Die Witwe hatte mich schlielich aufgenommen. Manchmal lie ich alles stehen und liegen und ging nach der Schule gar nicht erst nach Hause, sondern gleich mit Tom zum Fluss, der jetzt schon ordentlich Hochwasser hatte. Wir knnten auch abhauen, sagte Tom. Und Piraten werden! Wir schnappen uns ein Kanu und paddeln bis zur Insel. Dort gibt es jede Menge Hhlen, da knnten wir unser Ruberlager einrichten. Von dort aus starten wir unsere Raubzge. Die Hhlen kannte ich gut aus der Zeit, als ich kein Zuhause hatte. Tom und ich, wir brachten den ganzen Nachmittag damit zu, uns das Piratenleben auszuspinnen. Aber als es dunkel wurde, bekamen wir Hunger und gingen nach Hause. Du bist schon wieder in deinen Schulkleidern herumgestromert!, jammerte die Witwe. Die Hosen sind ja vllig verdreckt und zerrissen! Willst du etwa morgen in deiner alten Arbeitshose zur Kirche gehen? Wie soll ich nur die ganze Arbeit schaffen! Ach, Huckleberry Finn, du machst es mir wirklich nicht leicht! Du solltest doch heute die Zwiebeln ausgraben und zum Trocknen aufhngen! Und was hast du stattdessen getan? Dann musste ich mit ihr niederknien und beten. Sie betete dafr, dass ich mich besserte. Und dass sie mehr Geduld mit mir htte und genug Kraft fr meine schwierige Erziehung. 4

5 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Hucks Flucht Am nchsten Morgen gingen wir in die Kirche wie jeden Sonntag. Vorher putzte ich meine Schuhe, dass sie glnzten wie Speckschwarten. Ich hasse es, in Schuhen zu gehen, die so schwer sind wie Baumstmme und so fest zugeschnrt wie ein Sack Mehl. Nach dem Gottesdienst passte die Witwe den Pastor ab und klagte ihm ihr Leid: wie schwer sie es mit mir htte und dass sie keinen Rat mehr wsste. Der Pastor trstete sie: Der Junge hat doch schon Fortschritte gemacht. Er hat Lesen und Schreiben gelernt und hilft Ihnen in Haus und Garten. Danach wandte er sich zu mir. Ich bekam eine Moralpredigt, die sich gewaschen hatte. Er warf mir vor, undankbar zu sein. Und dann sagte er, dass ungehorsame Kinder in die Hlle kommen. Na ja, in die Hlle wollte ich natrlich nicht. Also nahm ich mir vor, mich zu bessern und der brave Junge zu werden, den die Witwe brauchte. Aber am Montag, als ich aus der Schule kam, sah ich ein Pferdefuhrwerk vor dem Haus der Witwe halten. Das war der Holzhndler, er brachte schon wieder eine Fuhre Viertelstmme. Ich wusste, was mir bevorstand. Am Nachmittag musste ich die Stmme mit der Schubkarre auf den Hof fahren und sie in den folgenden Tagen mit Sge und Axt zu Brennholz verarbeiten genauso wie es Jim mit den drei vorigen Fuhren gemacht hatte. Davon war noch ein kleiner Rest brig gewesen, als Jim verschwand, um den hatte ich mich kmmern mssen. Und schon dieser Rest hatte mir den Rest gegeben! Als ich jetzt den riesigen Haufen Stmme da liegen sah, drehte ich mich um und rannte davon. Ich hrte noch, wie die Witwe mir aus dem Fenster etwas nachrief. Aber ich hielt nicht eher an, als bis ich zu unserer Stelle am Ufer gekommen war. Ich zog meine Schuhe aus und holte die Angel aus den Bschen. Pltzlich fing ich an zu heulen. Ich konnte einfach nicht anders und es sah ja auch niemand. Ich war ganz allein. Nein, ich wollte kein anstndiger Mensch sein! Ich wollte ein Pirat werden und auf der Insel in einer Hhle leben. Aber leider hatte ich kein Kanu. 5

6 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Pltzlich sah ich was ungeheuer Interessantes: Auf dem Fluss kam etwas angetrieben. Etwas Groes, Langes ... Ein herrenloses Flo! Dass auf dem Flo niemand war, erkannte ich daran, wie es sich bewegte. Steuerlos trieb es mit der Strmung dahin, dann drehte es sich ein paarmal um sich selber und schlingerte ganz langsam zum Ufer. Direkt auf mich zu! Als wollte es zu mir sagen: Ich gehre dir, Huckleberry Finn. Ich rannte in den Fluss. Er fhrte viel mehr Wasser als sonst, die Strmung zerrte an mir und ich hatte Angst, das Flo knnte abtreiben. Aber ich schwamm, so schnell ich konnte, bis ich es erreicht hatte. Ich zerrte es ins Gestrpp und machte es fest. Es war ein schnes Flo, nicht zu gro, einige aneinandergebundene Baumstmme und ordentlich Bretter darbergenagelt. In der Mitte stand eine kleine Htte aus Latten, die war halb zerstrt, aber das war mir egal. Das Steuer war unbeschdigt. Ich warte, bis es dunkel ist, dachte ich. Dann fahre ich los, zur Insel. Huckleberry Finn, der Pirat! Aber gleich fiel mir ein: Wenn ich nachts nicht nach Hause komme, alarmiert die Witwe morgen die Nachbarn und lsst mich suchen! Mit Hunden womglich ... Ich musste mir etwas einfallen lassen, damit sie mich nicht fanden. Oder gar nicht erst nach mir suchten. Am besten ist es, berlegte ich, wenn sie denken, ich bin tot. Und gleich hatte ich eine Idee. 6

7 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Auf der Insel Ein Flo hatte ich noch nie gesteuert. Das ist aber nicht viel anders, als ein Kanu zu steuern, man braucht nur mehr Kraft. Geschwind glitt das Flo in der Strmung dahin. Dunkle Wolken segelten ber den Himmel, ein kalter Wind blies. Es tat mir leid, dass ich meine Jacke am Ufer gelassen hatte, aber das gehrte zu meinem Plan. Ab und zu schien der Mond durch eine Wolkenlcke, sodass ich die Insel rechtzeitig sehen konnte. Wie ein groes dunkles Tier lag sie mitten im Fluss. Ich steuerte das Flo ans linke Ufer der Insel, sodass man es von der Fahrrinne aus nicht sehen konnte. Denn es war ja mglich, dass sie doch nach mir suchten. Nachdem ich das Flo festgebunden hatte, kroch ich ins Gebsch, um ein Schlfchen zu machen. Da fing es an zu regnen. Es goss wie aus Kannen. Im Nu war ich pitschnass. Ich musste mir unbedingt ein trockenes Pltzchen besorgen. Im Dunkeln tastete ich mich an den Felsen entlang, um den Eingang zu den Hhlen zu finden. Auf einmal strichen meine Finger ber eine Hand hin, die da auf der Erde lag. Vor Entsetzen konnte ich mich nicht mehr bewegen. Wer war das? Vielleicht ein Toter? Aber der Tote richtete sich auf und sagte mit Jims Stimme: Bitte tu mir nichts! Jim!, schrie ich. Du hast mir einen Heidenschrecken eingejagt! Bist du das, Huck? Was machst du denn hier? Ich will Pirat werden, antwortete ich. Komm rein, du Pirat! Du bist ja ganz durchgeweicht, sagte Jim und zog mich in die Hhle. Wenn wir noch ein Stck tiefer reinkriechen, knnen wir Feuer machen, ohne dass es vom Ufer aus zu sehen ist. Jim gab mir seine Jacke, weil mir so kalt war. Er bewirtete mich mit Maisbrot und kaltem gebratenem Fisch. Ich hab ein Kanu gestohlen, sagte er. Damit will ich den Fluss runter bis Cairo. Cairo?, fragte ich. Den Namen hab ich noch nie gehrt! Das ist eine groe Stadt, die gehrt zum Staat Illinois. Dort haben sie die Sklaverei abgeschafft. Wenn ich da an Land gehen kann, bin ich ein freier Mann, verstehst du? Ich suche mir eine Arbeit. Alles, was ich verdiene, werde ich sparen. Ich lachte. Sparen? Wozu denn? 7

8 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Wenn ich genug Geld zusammenhabe, kann ich meine Frau und meine beiden Kinder freikaufen, sagte Jim. Ich hatte gar nicht gewusst, dass Jim Frau und Kinder hatte. Er erzhlte, dass sie als Sklaven auf einer Farm in der Nhe von unserem Stdtchen lebten. Als der Mann der Witwe noch lebte, hatte er sie verkauft, so wie man ein paar Scke Kartoffeln verkauft. Jim wollte wieder mit seiner Familie zusammenleben, das verstand ich. Wenn die Witwe die achthundert Dollar von dem Sklavenhndler genommen htte, wre Jim irgendwohin verkauft worden, weit weg von seiner Frau und seinen Kindern deshalb war er abgehauen! Also fahren wir nach Cairo!, entschied ich. Mit dem Flo geht es schneller als mit dem Kanu. Pirat werden kann ich auch spter noch. Du bist ein guter Junge, Huck, sagte Jim. Du kommst bestimmt mal in den Himmel! Ich erzhlte Jim, wie ich weggelaufen war, weil ich nicht immer nur arbeiten und beten wollte. Wie pltzlich das Flo angetrieben kam. Wie ich meine Schuhe mit Fischblut beschmiert und sie am Ufer hingeworfen hatte. Fischblut?, fragte Jim erstaunt. Ja, Mann, damit es aussieht, als ob mich jemand umgebracht hat. Auf meine Jacke hab ich auch was von dem Blut gegossen und noch einen rmel abgerissen. Das sah richtig echt aus! Damit sie nicht nach mir suchen. Schade um die schne Jacke, sagte Jim. Wir hrten, wie ein Gewitter ber die Insel zog. Aber in der Hhle war es gemtlich und warm. Irgendwann schliefen wir ein. Am nchsten Morgen war der Fluss gewaltig angestiegen. Allerhand Zeug trieb vorbei und wir berlegten, ob wir mit dem 8

9 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Kanu in die Strmung fahren sollten, um uns was zu holen oder ob das zu gefhrlich wre. Dann kam pltzlich ein ganzes Haus angeschwommen, ein Holzhaus mit Tr und Fenstern und einem Schindeldach obendrauf. Jim sprang in das Kanu und hielt auf das Haus zu. Da sind bestimmt noch eine Menge Sachen drin!, rief er mir zu. Er erreichte das Haus und zog das Kanu hinein. Das Haus hing schon schief im Wasser und schwamm ziemlich schnell. Ich dachte, ich wrde Jim nie wiedersehen. Aber am Nachmittag kam er erschpft angepaddelt, er hatte das voll beladene Kanu die ganze Strecke gegen die Strmung zurckgerudert. Jetzt besaen wir zwei Decken, allerhand Kleidungsstcke, einen Sack Mehl, eine Speckseite, eine Axt und eine ganze Menge anderer Schtze fr unsere Reise nach Cairo! Wir verstauten alles auf dem Flo und banden das Kanu fest. Morgen fahren wir los, sagte Jim. Jetzt muss ich mich erst mal ausruhen. Mir tun alle Knochen weh. Doch auf einmal hrten wir Hundegebell, ganz nahe. Wir krochen ber die Felsen zur anderen Seite der Insel und sphten durch die Bsche bers Wasser. Da sahen wir, dass ein groer Raddampfer direkt vor der Insel ankerte. Boote wurden zu Wasser gelassen. Mnner mit Gewehren stiegen in die Boote. Sie hatten groe Hunde bei sich! Die suchen mich!, flsterte Jim. Ich widersprach: Nein, die suchen mich! Whrend die Boote auf die Insel zuhielten, rannten wir zu unserem Flo. Ich nahm das Steuer, Jim lste das Tau und sprang zu mir rber. Von den Felsen hallten Flintenschsse. Immer nher kam das Bellen der Hunde. Aber das Flo wurde von der Strmung ergriffen, bald hatten wir die Inselspitze erreicht und waren unseren Verfolgern entkommen. Wir habens geschafft!, rief ich und drehte mich zu Jim um. Zusammengekrmmt und zitternd lag er auf dem Flo. Er atmete krampfhaft, stoweise. Ich dachte, ein Schuss htte ihn getroffen. Aber die Mnner konnten uns doch gar nicht gesehen haben! Jim, was ist denn los? Wenn die mich kriegen, bringen sie mich um!, keuchte er. Ich band das Steuer fest und hockte mich neben ihn auf die Bretter. Die haben uns nicht gesehen!, beruhigte ich ihn. Wir fahren direkt nach Cairo, dann bist du frei! Wie weit ist es denn bis dorthin? Wei ich nicht, flsterte Jim. 9

10 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Als Mdchen unterwegs Wir fuhren den Fluss hinunter. Bei Tage versteckten wir das Flo am Ufer und verkrochen uns im Gebsch. Sobald es dunkel wurde, zogen wir das Flo wieder in die Strmung. Wir fuhren die ganze Nacht, ohne anzuhalten. Alle paar Stunden wechselten wir uns ab: Einer stand am Steuer, der andere schlief. So kamen wir ziemlich rasch voran. Bestimmt waren wir nun weit genug weg von unserem Stdtchen. Jetzt wrde uns niemand mehr suchen! Jim reparierte die Htte auf dem Flo. Nun waren wir vor dem Regen geschtzt und unser ganzes Zeug aus dem schwimmenden Haus blieb schn trocken. Eines Morgens sahen wir am rechten Ufer eine groe Stadt aus dem Dunst auftauchen. Wir konnten eine Anlegestelle fr Dampfer und Lastschiffe erkennen und eine Menge Fabrikgebude. Zwischen unzhligen Husern ragten mehrere Kirchtrme auf, berall stieg Rauch aus den Schornsteinen. Das ist Cairo!, jubelte Jim. Schnell, Huck, lass uns anlegen! Aber ich widersprach ihm. Woher wusste er, dass diese Stadt wirklich Cairo war? Der Fluss ist lang, bestimmt liegen Dutzende von Stdten an seinem Ufer. Cairo konnte noch ganze Tage weit entfernt sein. Jim durfte auf keinen Fall an Land gehen und sich als entlaufener Sklave zu erkennen geben, ehe wir nicht genau Bescheid wussten. Das war viel zu gefhrlich. Obwohl Jim vor Ungeduld fast platzte, stimmte er mir schlielich zu. Wir lieen das Flo an der Stadt vorbeitreiben und banden es am Rand eines Wldchens fest. Jim sollte sich erst mal hier verstecken. Ich wollte zu Fu in die Stadt zurcklaufen, sobald es richtig hell war. Es konnte ja nicht schwierig sein zu erfahren, ob das wirklich Cairo war. Die Stadt, in der jeder Mensch frei war, auch wenn er eben noch ein Sklave gewesen war. Unser Abenteuer auf der Insel hatte seine Spuren an meinen Sachen hinterlassen. Wie ein Landstreicher sah ich aus. Ich whlte in dem Zeug aus dem schwimmenden Haus, um was Passendes fr mich zu finden. Da kam Jim auf die Idee, mich als Mdchen zu verkleiden. Ein langer gestreifter Rock, eine Schrze drber und eine braune Jacke verwandelten mich so, dass mich nicht mal mein Freund Tom erkannt htte. Meinen Kopf bedeckte ein Hubchen mit einer Schleife unterm Kinn. Nur Schuhe hatte ich nicht. Mit einem Krbchen am Arm tippelte ich los. 10

11 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Als ich zur Stadt kam, hielt ich meine Augen offen und beguckte mir alles ganz aufmerksam. Ich dachte, wenn ich irgendwo einen Schwarzen sehe, dann spreche ich ihn an und frage, ob er ein Sklave oder ein freier Mann ist. Aber es war wie verhext, ich traf berhaupt keinen Menschen. Endlich ging ich an einem Haus vorbei, aus dem kam gerade eine Frau raus. Mit Schwung kippte sie ihren Wischeimer aus. Ich sprang beiseite, aber trotzdem kriegte ich einen Schwapp dreckiges Wasser ab. Ach du armes Kind!, rief die Frau. Das tut mir ja so leid! Komm schnell rein, ich mach dir den Rock sauber. Ich folgte ihr in die Kche. Dort war es richtig gemtlich. Sie gab mir eine Tasse Milch und wusch meinen Rock aus. Whrend er am Herd trocknete, fragte sie mich aus. Wo ich herkme, was ich in der Stadt wollte und so weiter. Ich heie Sarah Brown, sagte ich. Ich bin mit dem Dampfer gekommen. Meine Mama ist krank geworden. Deswegen hat sie mich nach Cairo geschickt, um meine Tante Polly zu holen, damit sie ihr hilft. Die Frau schlug die Hnde zusammen. Du bist an der falschen Station ausgestiegen, Sarah! Das hier ist nicht Cairo. Ich tat so, als ob ich anfinge zu heulen. Nun wein mal nicht!, sagte die Frau. Cairo liegt dreiig Meilen flussauf. Heute Nachmittag, wenn mein Mann zurckkommt, dann wird er sich bei den Nachbarn umhren, ob jemand mit dem Pferdefuhrwerk in die Richtung muss. Du wirst schon nach Cairo kommen. Na, bis zum Nachmittag wrde ich bestimmt nicht in diesem Haus bleiben, schlielich wartete Jim auf mich. Dreiig Meilen flussauf! Wir waren in der Nacht an Cairo vorbeigetrieben. Ich muss am Steuer eingeschlafen sein. Wie sollte ich das blo dem armen Jim erklren? Ich sa da im Unterrock und wartete, dass mein Rock trocknete. Inzwischen hatte die Frau angefangen, Garn aufzuwickeln. Ich sollte ihr dabei helfen. Sie warf mir ein Knuel in den Scho. Blitzschnell klemmte ich die Knie zusammen und fing so das Knuel auf. Eine Weile wickelten wir schweigend die Wolle auf. Ich lie mir nicht anmerken, dass ich noch nie Garn gewickelt hatte. Auf einmal schrie die Frau: Oh, dort ist eine Maus! Sieh mal, Sarah, in dem Loch ist sie verschwunden! Sie nahm ein Messinggewicht von ihrer Kchenwaage und wartete ab. Als die Maus ihren Kopf aus dem Loch steckte, schleuderte die Frau das Gewicht nach ihr. Aber 11

12 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! sie stellte sich so ungeschickt an, dass die Maus entwischte. Schwupp, war sie unter dem Herd verschwunden. Lassen Sie mich mal!, sagte ich und riss ihr das Gewicht aus der Hand. Als die Maus sich unter dem Herd vorwagte, warf ich das Gewicht ganz locker aus dem Handgelenk und traf sie natrlich. Die Frau sagte dazu gar nichts. Sie gab mir meinen Rock zurck, obwohl er noch gar nicht trocken war. Schlielich meinte sie: Es ist besser, du wartest nicht, bis mein Mann zurckkommt. Ich wei nicht, was du hier suchst und wer du bist. Sarah heit du ganz sicher nicht. Du hast bestimmt einen Grund, dich als Mdchen auszugeben. Aber du machst das sehr schlecht. Ich habe gleich gesehen, dass du noch nie im Leben ein Wollknuel aufgewickelt hast. Und noch was: Wenn man einem Mdchen etwas in den Scho wirft, dann klemmt es nicht seine Knie zusammen, sondern es macht das Gegenteil, um den Rock zum Auffangen auszubreiten. Mdchen werfen auch nicht so zackig aus dem Handgelenk, sondern sie heben den Arm so ber die Schulter. Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Sie hatte noch ein paar Ratschlge fr mich, wie ich als Mdchen gehen und mich hinsetzen sollte, damit nicht jeder den Schwindel gleich bemerkte. Das war wirklich eine nette Frau. Du brauchst keine Angst zu haben, dass ich jemandem was von deinem Besuch erzhle. Aber wenn du tatschlich nach Cairo willst, musst du es alleine schaffen! Sie schenkte mir noch ein Stck Brot fr den Weg und dann war ich drauen. 12

13 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Der Steckbrief Zuerst ging ich ein Stck auf der Strae weiter, als wollte ich wirklich nach Cairo. Auf einmal sah ich berall Zettel an den Zunen. Ich blieb stehen und las. Ich konnte noch nicht besonders gut lesen, aber so viel verstand ich: Es handelte sich um einen Steckbrief. Und gesucht wurde mit diesem Steckbrief der entlaufene Sklave Jim! Eine hohe Belohnung wurde demjenigen versprochen, der ihn finden und dem Sheriff bergeben wrde. Ich bog ab zum Flussufer und rannte zurck zu unserem Versteck. Atemlos erzhlte ich Jim alles. Ich sagte ihm auch, dass ich daran Schuld hatte, dass wir an Cairo vorbeige- fahren waren. Jim war ziemlich verzweifelt, das konnte ich ihm ansehen. Schlielich sagte er: Wir mssen das Flo hier verstecken und mit dem Kanu zurck nach Cairo paddeln. An Land darf ich mich nicht sehen lassen. Dreiig Meilen mit dem Kanu gegen die Strmung! Bei diesem Hochwasser! Wie lange sollte das wohl dauern? Aber wir hatten keine andere Wahl. Wir beluden das Kanu mit dem Ntigsten und blieben bis zum Abend in unserem Versteck. Wir schlafen jetzt ein paar Stunden, denn wir mssen die ganze Nacht paddeln, sagte Jim. Wenn es hell wird, suchen wir uns dann wieder ein Versteck. Es ist besser, wenn wir bei Tageslicht unsichtbar bleiben. Jim wachte bei Anbruch der Nacht auf, als ob eine Uhr in seinem Kopf eingebaut wre. Es war ganz still, am wolkenlosen Himmel strahlten Millionen Sterne. Diese Nacht war genau richtig, um mit dem Boot auf dem Fluss unterwegs zu sein! Pltzlich flsterte Jim: Das Kanu ist weg! Was?, schrie ich. Jim zischte mich wtend an, denn meine Stimme war bestimmt meilenweit zu hren. Das Kanu ist weg!, wiederholte er leise. Wahrscheinlich hast du es nicht richtig angebunden. Was machen wir jetzt? Natrlich hatte ich das Kanu richtig festgebunden, ich bin doch kein Dummkopf. Aber es war nicht mehr da. All unsere Vorrte waren auch weg, der Sack mit dem Mehl, der Speck, unsere Decken, das Messer, die Axt und alles, was wir in das Kanu gepackt hatten. 13

14 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Der Mond ging auf. Da konnte ich pltzlich sehen, dass der Strick ganz glatt durchgeschnitten war der Strick, mit dem ich das Boot angebunden hatte. Jemand hatte unser Kanu geklaut, als wir schliefen! Ich zeigte Jim das Tauende. Aber was ntzte das schon. Wie sollten wir jetzt zurck nach Cairo kommen? Ein Flo kann ja nur mit der Strmung treiben. Auf jeden Fall mussten wir weit weg von hier. Irgendwohin, wo es keine Steckbriefe von Jim gab. Schweigend machten wir das Flo los und steuerten es wieder in die Flussmitte. Wir fuhren weiter flussab durch die schne mondhelle Nacht. Aber jetzt hatten wir kein Ziel mehr. Die Strmung trieb uns immer weiter weg von Cairo, weiter weg von Jims Familie. 14

15 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Reiche Leute In der Nacht wurde unser Flo von einem Dampfer gerammt. Wir hrten seine Maschinen schon meilenweit vorher in der nchtlichen Stille und zndeten unsere Laternen an, damit er uns sehen konnte. Dann tauchte er direkt vor uns auf, ein riesiger schwarzer Koloss, hoch wie ein Haus. Er hielt genau auf uns zu, als ob er das mit Absicht machte. Der Mann oben auf der Brcke lachte und grlte, vielleicht war er betrunken. Es gab einen gewaltigen Krach, der Dampfer fuhr ber das Flo. Ich sprang ins Wasser und tauchte, so tief ich nur konnte. Denn ich hatte keine Lust darauf, vom Schaufelrad des Dampfers erwischt zu werden. Als ich den Atem nicht mehr anhalten konnte, tauchte ich auf. Tief sog ich die khle Luft in meine schmerzenden Lungen. Der Dampfer war einfach weitergefahren. In der nchtlichen Finsternis konnte ich kein Stck von unserem Flo sehen. Ich rief nach Jim, aber er antwortete nicht. Ich trieb ganz allein mitten im Fluss. Ich begann zu schwimmen, immer quer zur Strmung. Dann musste ich ja irgendwann ans Ufer kommen. Es wurde schon hell, als ich endlich Grund unter den Fen sprte. Ich watete an Land und lie mich fallen. Wie tot lag ich da und schlief gleich ein. Als ich aufwachte, war es heller Tag. Ich lief einfach los, denn ich hatte keine Ahnung, wo ich berhaupt war und wo ich hinsollte. Schon nach kurzer Zeit kam ich zu einer groen Farm. Zwischen den Feldern fhrte eine gepflasterte Strae zu dem prchtigen Haus hin. Auf dem Hofplatz arbeiteten viele Sklaven. Manche hackten Holz, andere striegelten Pferde, beschlugen Maultiere, reparierten einen Wagen. Ein groes Fuder Maisstroh wurde gerade in die Scheune gebracht. Kleine schwarze Kinder schleppten Eimer mit Wasser vom Brunnen ins Haus. Es herrschte Betrieb wie auf einem Markt. Bei uns zu Hause gab es keine Familien, die so viele Sklaven besaen. Wie ich da so herumstand und guckte, kam ein hbsches junges Mdchen aus dem Haus und fragte mich, wer ich bin und wen ich suche. Gleich dachte ich mir wieder eine passende Geschichte aus. George Jackson heie ich. Ich war auf dem Dampfer, denn ich wollte nach Cairo und mir Arbeit suchen, weil 15

16 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! meine Eltern gestorben sind. Aber dann bin ich in der Nacht ber Bord gefallen und ... Ach, du armer Junge!, unterbrach sie mich und zog mich ins Haus. In der Kche wimmelte es ebenfalls von Schwarzen. Das Mdchen befahl einer jungen Frau, mir trockene Sachen zu holen, und einer anderen, mir was zu essen zu geben. Jawohl, Miss Sofia, sagten die beiden und sausten los. Dann brachte mich Sofia zu ihrem Vater. Er ist doch viel zu jung, um sich Arbeit zu suchen, der arme George, sagte sie. Er darf doch hierbleiben, nicht wahr, Vater? So kam es, dass mich die Familie Grangerford aufnahm. Auer Sofia und ihrem Vater gab es zwei erwachsene Shne und einen jngeren, der war etwa so alt wie ich und hie Buck. Die Grangerfords besaen nicht nur diese eine Farm, sondern mehrere, und ber hundert Sklaven. Sie waren richtig reiche Leute. Zu jeder Mahlzeit versammelten sie sich schick angezogen im Speisesaal. Der Tisch war jedes Mal gedeckt wie zu einer Hochzeitsfeier. Jeder hatte seinen eigenen Sklaven, der ihn bei Tisch bediente und auch sonst fr ihn sorgte. Gleich am zweiten Tag bekam ich auch meinen eigenen Sklaven, er hie Jack. 16

17 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Miss Sofia nahm mich mit ins Nhzimmer. Dort arbeiteten zwei schwarze Frauen und mehrere kleine Mdchen. Sie taten den ganzen Tag nichts anderes als nhen. Ich bekam zwei Hosen und zwei Jacken, ein halbes Dutzend Hemden, Unterwsche und sogar einen Hut. Buck gab mir Schuhe, die ihm nicht mehr passten. Mit Buck freundete ich mich sofort an. Wir verbrachten die Tage miteinander. Buck musste berhaupt nichts arbeiten und ich auch nicht, obwohl es so eine groe Farm war. Alles wurde von den Sklaven gemacht. Der Vater und Bucks erwachsene Brder waren viel zu Pferde oder mit der Kutsche unterwegs, um die anderen Farmen zu verwalten. Sofia sorgte dafr, dass im Haus alles seine Ordnung hatte. Die Witwe Douglas hatte mal behauptet, dass die Sklaven unten im Sden viel schlechter behandelt wrden als bei uns zu Hause. Jetzt war ich selber im Sden und sah mit eigenen Augen, dass sie die Wahrheit gesagt hatte. Die Schwarzen bekamen zwar genug zu essen, aber sie mussten den ganzen Tag heftig schuften. Die Haussklaven standen sogar in der Nacht auf, wenn jemand von den Herrschaften nach ihnen rief. Und sie wurden wegen jeder Kleinigkeit geschlagen. Sogar die nette Sofia verteilte Ohrfeigen. Das hab ich selber gesehen! 17

18 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Miss Sofia Schon fast zwei Wochen war ich bei den Grangerfords. Ich zog mit Buck durch die Wlder und ging mit ihm angeln. Ich brauchte mir keine Gedanken ber den nchsten Tag zu machen und dachte, ich knnte fr immer bei den reichen Leuten bleiben. Aber dann passierte etwas. Am Sonntag nach dem Mittagessen, als sich die Hausherren zu einem Schlfchen zurckgezogen hatten, rief mich Miss Sofia und fragte, ob ich ihr einen Gefallen tun wrde. Natrlich wollte ich das, wo sie doch so nett und hbsch und auerdem meine Retterin war. Ich habe mein Gebetbuch in der Kirche vergessen!, sagte sie. Holst du es mir? Also lief ich los und fand das Buch auf der Bank in der Kirche, wie sie es gesagt hatte. Als ich es nahm, fiel ein Zettel raus, darauf stand: Drei Uhr! Ich gab Miss Sofia das Buch, sie suchte gleich nach dem Zettel, als htte sie gewusst, dass er darin lag. Und als sie ihn angeschaut hatte, strahlten ihre Augen, als htte sie in der Lotterie gewonnen. Hast du den Zettel gelesen, George?, fragte sie mich. Aber ich behauptete: Ich kann gar nicht lesen. Der Rest des Sonntags verging wie immer. Am nchsten Morgen in aller Frhe rttelte mich Buck wach. Steh auf, George! Wir mssen alle losreiten und unsere Ehre wiederherstellen! Welche Ehre?, murmelte ich verschlafen. Was ist denn los? Er erzhlte es mir: Miss Sofia war in der Nacht von zu Hause verschwunden. Sie hat einen Brief auf den Esstisch gelegt. Darin steht, dass sie Harney Shepherdson liebt und ihn heiraten will. Deshalb sind sie beide zusammen abgehauen. Harney ist der Sohn von unseren Nachbarn. Sie haben ihre Farm auf der anderen Seite vom Wald. Ich verstand nur die Hlfte. Wieso muss man von zu Hause abhauen, wenn man heiraten will? Normalerweise gibt es doch erst eine Verlobungsfeier und dann die Hochzeit mit einem groen Fest und vielen Geschenken? Das kannst du ja nicht wissen, sagte Buck. Die Grangerfords und die Shepherdsons sind verfeindet und deswegen kommt eine Hochzeit gar nicht infrage. 18

19 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Verfeindet? Warum denn? Aber das wusste Buck nicht genau. Da ist mal irgendwann was gewesen, erklrte er. Zwischen meinem Urgrovater und den Vorfahren der Shepherdsons. Aber worum es da ging, das wei keiner mehr. Auf jeden Fall sind wir Feinde. Und dass Harney Shepherdson mit unserer Sofia durchgebrannt ist, das ist eine riesige Beleidigung fr unsere Familie. Wir mssen uns rchen. Endlich war ich richtig wach. Ich sah Buck in Stiefeln und Hut vor meinem Bett stehen. Er hatte ein Gewehr umhngen. Komm endlich!, drngte er. Du musst mit, du gehrst doch jetzt zu unserer Familie. Mir wurde ganz mulmig. Mit Tom und den anderen Jungs zu Hause hatten wir zwar stndig Ruber und Verfolgung gespielt und dabei aus unseren Gewehren geschossen. Aber die Gewehre waren aus Holz, und wenn einer tot umfiel, stand er anschlieend wieder auf und das Spiel ging weiter. Das hier war bestimmt kein Spiel. Betreten schlich ich hinter Buck die Treppe runter. Der alte Grangerford und Bucks Brder saen schon auf ihren Pferden. Jack hielt ein gesatteltes Pferd fr mich am Zgel und Buck reichte mir ein Gewehr. Auf gehts!, rief der alte Grangerford und sie preschten los. Ich kann gar nicht reiten, sagte ich zu Buck. Ich hatte jetzt richtig Angst. Bucks Sklave brachte ihm sein Pferd. Du kannst hinter mir sitzen!, sagte Buck. Los, mach schon! Wir folgten also den anderen, beide auf Bucks Pferd. Ich umklammerte mein Gewehr und hatte nur noch Angst. Als wir dann durch den Wald ritten, lie ich mich einfach vom Sattel ins Gebsch fallen. Ich schmiss die Flinte weg und rannte, so schnell ich konnte. Was hatte ich mit der Ehre der Grangerfords zu tun? Warum konnten sie sich nicht vertragen und die beiden einfach heiraten lassen? Ich blieb stehen und lauschte. Niemand folgte mir. Wo sollte ich denn jetzt hin? Nachdem ich mich vor dem Rachefeldzug gedrckt hatte, konnte ich mich nie wieder bei den Grangerfords blicken lassen, das war klar. 19

20 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Wiedersehen mit Jim Auf einmal tauchte eine schwarze Gestalt aus dem Dickicht auf. Jack, mein Hausdiener! Er trug einen groen Beutel ber der Schulter und verlangte, ich solle mit ihm in den Sumpf gehen. Dort gibt es wunderschne Sumpflilien, sagte Jack. Ich hatte noch nie was von Sumpflilien gehrt und interessierte mich sowieso nicht fr Blumen. Aber Jack drngelte, als ob mein Leben davon abhinge. Ich dachte: Bestimmt steckt da was ganz anderes dahinter. Aus Neugier folgte ich ihm. Mit Buck war ich nie im Sumpf gewesen. Das hatte uns der alte Grangerford verboten, weil es dort lebensgefhrlich war. Wenn man sich nicht genau auskannte, konnte man vom Schlamm verschluckt und runtergezogen werden. Ich lief immer hinter Jack her. Er wich den morastigen Tmpeln und Schlammlchern aus und fhrte mich immer tiefer in den Sumpf hinein. Hier ist es, sagte er auf einmal. Er lie seinen Beutel auf die Erde fallen und machte sich einfach davon. He, Jack!, rief ich. Alleine finde ich hier nicht wieder raus! Aber er war schon im Dickicht verschwunden. Natrlich waren weit und breit keine Sumpflilien zu sehen. Rabenschwarze Angst berfiel mich. Ich war in eine Falle getappt! Da hrte ich pltzlich eine vertraute Stimme: Huck, komm hier rber! Das war Jim! Noch nie im Leben hatte ich mich so sehr ber irgendwas gefreut! Jim, du lebst!, jubelte ich. Wo bist du denn so lange gewesen? Ich war die ganze Zeit hier im Sumpf, sagte Jim. Ich wollte mich gerade wieder auf den Weg machen. Da merkte ich, wie du mit Jack durch die Bsche kamst. Du kennst Jack? Jim nickte. Die Haussklaven der Familie 20

21 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Grangerford hatten ihn gefunden, als er mit dem kaputten Flo angesplt worden war. Jim erzhlte ihnen seine ganze Geschichte und erfuhr von ihnen, dass ich bei den Grangerfords lebte. Da dachte ich mir, es ist besser fr Huck, bei den reichen Leuten zu wohnen, als mit einem entflohenen Sklaven auf dem Fluss rumzufahren. Ich wollte alleine weiterziehen. So lange, bis sie mich irgendwann erwischen. Meine Frau und meine Kinder seh ich doch sowieso nie wieder. Jack hatte Jim mit Essen versorgt und mit Werkzeug, damit er das Flo reparieren konnte. Ich war vllig berrascht. Du hast das Flo noch? Ich dachte, das liegt auf dem Grund des Flusses! Und du auch ...! Ich bin so froh, dass ich dich wiederhabe, sagte Jim und umarmte mich. Warum bist du denn nicht bei den Reichen geblieben, Huck? Da hrten wir pltzlich Schsse, ziemlich weit weg. Die Knallerei dauerte eine ganze Weile. Ich dachte an Buck und hoffte, dass es ihm gut ging. Komm, wir verschwinden von hier, sagte ich zu Jim. Ich erzhle dir unterwegs, was passiert ist. Knig und Herzog Nachts stand der Herbstnebel ber dem Fluss wie eine Mauer. Wir trauten uns in der Dunkelheit nicht mehr aufs Wasser, weil wir Angst vor einem neuen Zusammensto hatten. Aber bei Tageslicht frchteten wir uns davor, erwischt zu werden. So blieben wir immer fter an Land, wir schnitten Weidenzweige ab und bedeckten damit das Flo. Wir banden mehrere Bsche oben zusammen, so hatten wir ein bisschen Schutz vor Regen und Wind. Aus herabgefallenem Laub schtteten wir uns ein Lager auf. Aber die Nchte waren schon sehr kalt. Wenn der Nebel richtig dicht war, trauten wir uns, ein Feuerchen anzuznden. Wir lieen uns von den Flammen wrmen, brhten uns Kaffee aus Jacks Beutel auf und schauten zu, wie ber uns die Sonne aufging. Wir hrten das Tuten der groen Dampfer und das Schreien der Wildgnse, die ber uns hinflogen. Wir belauschten auch die Holzfler, die Hunderte von schwimmenden Stmmen den Fluss hinunter zu den Sgemhlen dirigierten. Manchmal war der Fluss ganz schwarz von dem vielen Holz. Wir konnten jedes Wort verstehen, was die Fler sich zuriefen, obwohl sie mitten im Fluss an uns vorbeischwammen, meilenweit von uns entfernt. Der Fluss war hier schon so breit, dass man das andere Ufer nur bei ganz klarem Wetter erkennen konnte. 21

22 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Wir hockten da in unserem Versteck und hatten nichts mehr zu essen. Auf einmal trieb ein herrenloses Kanu vorbei, dicht beim Ufer. Vielleicht hatte es sich von einem der groen Fle losgerissen. Ich sprang ins Wasser und kletterte in das Boot. Leider war es leer, aber das Paddel lag auf dem Boden. Ich komme bald wieder!, rief ich Jim zu und paddelte ein Stck stromauf zurck, wo wir vor ein paar Tagen eine Farm gesehen hatten. Ich ging an Land und grub eine Erdmiete auf. In der Miete waren Kartoffeln. Ich machte einen Beutel aus meinem Hemd und sackte ein, so viel ich tragen konnte. Dann ging ich noch mal zurck, denn von meiner Zeit bei den Grangerfords wusste ich, dass zu einer Farm immer Obstbume gehrten. Ich pflckte pfel und stopfte sie unter mein Hemd. Gerade hatte ich alles im Kanu verstaut, da kamen zwei Mnner das Ufer runtergerannt. Ich dachte: So ein Pech, jetzt haben sie mich erwischt. Aber die beiden sprangen in mein Kanu, lsten das Tau und paddelten in wildem Tempo los. Mit einem gewaltigen Satz schaffte ich es noch, ins Kanu zu springen. He, was soll das! Das ist mein Kanu!, schrie ich. Da zog der eine aus seiner Jacke eine altertmliche Pistole und fuchtelte mir damit vor der Nase rum. Nimm das Paddel, verstanden! Na ja, das verstand ich irgendwie. Wenn ich genauer hingeguckt htte, dann htte ich bemerkt, dass die beiden mehrere groe Taschen mit sich schleppten, damit sahen sie nicht aus wie Farmer, die einen Apfeldieb verfolgten. Die beiden waren auf der Flucht, eindeutig. Ich wollte eigentlich an dem versteckten Flo vorbeipaddeln. Aber Jim hatte gesehen, wie mich der eine Mann mit der Pistole bedrohte. Er kam mit einem riesigen Knppel aus dem Gebsch und rief mich. So kam es, dass wir zu viert auf dem Flo weiterfuhren. Unsere beiden unerwnschten Fahrgste waren zwei ziemlich ble Gauner. Sie lebten vom Stehlen und vom Betrgen und prahlten damit, was sie schon alles angestellt hatten. Sie hatten sich vor ein paar Monaten im Gefngnis kennengelernt und gingen seither gemeinsam auf ihre Beutezge. 22

23 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Sie aen sich an unseren Kartoffeln und pfeln satt und verlangten, wir sollten sie in die nchste Stadt bringen. Aber schnellstens! Wir mssen dort sein, bevor der nchste Dampfer ankommt! Jim hatte whrend seiner Zeit in dem Sumpf eine neue Htte auf das Flo gebaut. Die war fester und grer als die alte. Dort nisteten sich jetzt die beiden Betrger mit ihren Taschen ein. Fr Jim und mich blieb da kein Platz. Wir mussten im Freien schlafen. Als ich deswegen laut meckerte, sagte der ltere von den beiden, der ganz dnn war und eine Glatze hatte: Du weit wohl nicht, mit wem du es zu tun hast, du Rotzbengel. Sonst wrdest du etwas mehr Respekt zeigen! Respekt? Dass ich nicht lache!, versetzte ich. Da sagte der Glatzkopf: Ich bin der Herzog von Kent. Jim und ich, wir starrten ihn verblfft an. Wollte der sich ber uns lustig machen? Jawohl, ich komme aus England und bin ein Verwandter der englischen Knigin. Aufgrund zuflliger Umstnde bin ich derzeit gezwungen, in unangemessenen Verhltnissen zu leben. Aber das wird sich bald ndern, und dann werde ich diejenigen reich belohnen, die mir geholfen haben. Ganz recht!, sprach darauf der jngere Gauner. Mir geht es ebenso. Ich bin der Knig von Frankreich. In Frankreich gibt es gar keinen Knig mehr!, platzte ich heraus. Das hatte ich nmlich in der Schule gelernt. Klugscheier!, schnauzte mich der Glatzkopf an. Mein hochgeborener Freund ist natrlich der rechtmige Nachkomme des armen Knigs, der seinerzeit in Frankreich umgebracht wurde. Und wenn ihr schon mich, den Herzog von Kent, ohne Respekt behandelt, so verlange ich doch fr den Knig von Frankreich die gebhrende Behandlung! Mit diesen Worten verbeugte er sich tief vor dem Knig. Tja, was sollten wir machen? Halb glaubten wir den beiden und halb glaubten wir ihnen nicht. Die Aussicht auf eine Belohnung bei rechtzeitiger Ankunft in der nchsten Stadt brachte uns dazu, ihnen unsere Htte und unsere Kartoffeln zu berlassen. Wir sprachen den Herzog und den Knig mit Majestt an, wir wuschen ihnen ihre verdreckten Sachen. Jim musste sie rasieren und dem einen die Haare schneiden. 23

24 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Als er damit fertig war, sagte der Knig zum Herzog: Meinst du nicht auch, dass Jim ein entlaufener Sklave ist? Und der Herzog antwortete: Wir knnten ihn fesseln und ausliefern, dann bekommen wir eine Belohnung! Jim ist nicht weggelaufen!, rief ich emprt. Er gehrt mir! Mein Papa hat ihn mir geschenkt, bevor er gestorben ist! Und berlegt doch mal wrde denn ein geflohener Sklave nach Sden flchten? Ins tiefste Sklavenland! So ein Bldsinn! Jim sagte gar nichts dazu. Aber in der Nacht, als der Knig und der Herzog in der Htte schliefen, flsterte er mir zu: Huck, das alles gefllt mir gar nicht. Wir mssen versuchen, diese beiden Majestten wieder loszuwerden. Aber das war leichter gesagt als getan. Am nchsten Tag gab mir der Herzog Geld, um Brot zu kaufen. Whrend ich an Land ging, rhrten sich die beiden nicht vom Flo weg, und Jim musste aufpassen, dass sie nicht mit unserem Flo verschwanden. So belauerten wir uns gegenseitig, bis wir uns kurz vor dem Reiseziel der beiden Gauner befanden. Die Erbschaft Whrend dieser letzten Nacht belauschten wir ein Gesprch der beiden. Sie dachten, niemand knne sie hren. Aber auf dem Wasser setzt sich jeder Ton weiter und deutlicher fort als an Land. Und so erfuhren wir, was diese beiden Gauner vorhatten und warum sie unbedingt vor dem Dampfer ankommen wollten. In der Stadt, die wir gerade erreichten, war ein gewisser Mister Wilks gestorben, der auer seinem Vermgen drei Tchter hinterlassen hatte. Deren zwei Onkel waren mit dem Dampfer unterwegs dorthin. Nach der Beerdigung wollten sie sich um die Erbschaft kmmern, weil die Tchter ja noch Kinder waren. Davon hatten die Majestten gehrt. Sie wollten vor dem Dampfer dort sein, sich als die Onkel ausgeben und die Erbschaft der Waisenmdchen an sich bringen. Immerhin handelte es sich um eine Fabrik, ein groes Haus mit vielen Sklaven und etliche Tausend Dollar. Als wir das hrten, waren Jim und ich uns ohne viele Worte einig: Das durften wir auf keinen Fall zulassen! 24

25 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Am nchsten Morgen wuschen sich die Gauner ausnahmsweise, zogen sich dunkle Anzge und saubere Hemden an und lieen sich wieder von Jim rasieren. Wir haben in der Stadt was zu erledigen, sagte der Knig. Ihr wartet hier mit dem Flo auf uns. Kann sein, dass wir schnell wegmssen. Das knnt ihr vergessen, antwortete ich. Wir wollen nichts mit euren Betrgereien zu tun haben! Gut, sagte der Herzog zu unserer berraschung. Dann trennen sich hier unsere Wege. Vielen Dank, dass ihr uns hergebracht habt. Er warf mir ein Geldstck zu und weg waren sie. Mit dem Geld ging ich in die Stadt und kaufte fr uns Lebensmittel ein. Als ich wieder zurckkam, war Jim nicht mehr auf dem Flo. Ich hatte ein ganz mieses Gefhl. Und dann fand ich seinen Glcksbringer, eine Waschbrkralle. Die hatte er immer an einer Schnur um den Hals getragen. Da lag die Kralle, am Ufer im trockenen Laub, und die Schnur war zerrissen. Jim war nicht freiwillig verschwunden und bestimmt waren diese beiden Gauner daran schuld! Ich rannte sofort in die Stadt zurck. Es war nicht schwer herauszufinden, was geschehen war. Auf dem Markt redeten die Leute nur davon, dass heute endlich die beiden Onkel der verwaisten Wilks-Mdchen angekommen waren. Das sind wirklich zwei komische Typen, sagte ein Farmer zu einem anderen. Beide verkauften sie Gemse von ihren Pferdefuhrwerken herab. Wissen Sie, was die zuallererst gemacht haben? Sie haben ihren Sklaven verkauft, auf offener Strae, an den Ersten, der vorbeikam. Noch bevor sie berhaupt zum Haus ihrer Nichten gegangen sind! Ein dritter Farmer gesellte sich dazu. Den Schwarzen hat Silas Phelps gekauft, der die kleine Maisfarm drauen hinter der Anlegestelle hat. Er wollte ihn gar nicht nehmen, weil er sich keinen Sklaven leisten kann. Aber seine Frau hat ihn so gedrngt, dass er nachgegeben hat. Und fr vierzig Dollar haben sie einen guten Kauf gemacht. Da konnte ich mich nicht mehr zurckhalten. Die beiden Mnner htten den Sklaven gar nicht verkaufen drfen, er gehrte ihnen nmlich nicht! Mir hat er gehrt! Und es sind auch nicht die richtigen Onkel, sondern zwei gemeine Betrger, die sich die Erbschaft der Wilks-Mdchen unter den Nagel reien wollen! Ich wei das, weil ich sie belauscht habe! Die echten Onkel kommen erst mit dem nchsten Dampfer! Wenn das wahr ist, was du sagst, meinte der eine Farmer, dann mssen wir schnellstens zum Wilks-Haus! Und du kommst mit, Junge! Du wirst das alles dem Richter erzhlen! Aber das wollte ich ganz bestimmt nicht. Ich wusste jetzt, wo Jim war. Und die drei Farmer wussten, was der Knig und der Herzog im Schilde fhrten. Ich drehte mich um und sauste davon. Erst als ich weit genug weg vom Markt war, fragte ich eine Frau, wie ich zur Farm von Silas Phelps kme. 25

26 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Das Flo ntzte mir jetzt nichts mehr. Ich deckte es wieder mit Zweigen zu. Aber vorher durchsuchte ich die Reisetaschen von Knig und Herzog. Zwischen ihrer Unterwsche versteckt fand ich ein dickes Bndel Geldscheine. Das war bestimmt die Beute aus einem ihrer Raubzge! Mit dem Geld knnte ich Jim freikaufen. Das war mein erster Gedanke. Aber es gehrte mir ja nicht. Es war gestohlenes Geld. Vielleicht hatten es diese Betrger einer alten Frau weggenommen, die sich nicht wehren konnte, oder sie hatten eine Bank berfallen oder sonst was Schlimmes ausgeheckt. Ich traute mich nicht, das Geld einzustecken, und lie es auf dem Flo liegen. Fr Jim wrde mir schon noch was einfallen. Bei Onkel Silas Bis zur Farm von Silas Phelps musste ich fast zwei Stunden laufen. Ich hatte also genug Zeit, um mir was auszudenken: Wer bin ich, woher komme ich, was will ich auf der Farm? Und vor allem: Wie stelle ich es an, Jim zu befreien? Aber als ich vor dem Haus stand, kam pltzlich der Farmer mit seiner Frau rausgerannt. Sie strzten auf mich zu, umarmten und kssten mich und riefen immerzu: Wieso bist du denn schon da? Der Dampfer kommt doch erst in zwei Stunden? Wir wollten dich doch abholen! Wie schn, dass du da bist! Ich wusste berhaupt nicht, was das zu bedeuten hatte. Jedenfalls brauchte ich keine erfundene Geschichte, um in das Farmhaus zu kommen. Ehe ich mich versah, sa ich am Tisch und wurde mit Maiskuchen vollgestopft. Wo ist denn dein Koffer?, fragte die Frau. Den habe ich an der Anlegestelle gelassen, sagte ich auf gut Glck. Fr wen mich die Farmersleute hielten, erfuhr ich ganz schnell. Die Frau erzhlte, dass sie mehrere Briefe mit ihrer Schwester Polly gewechselt htte, bevor ich dann endlich auf die Reise zu ihnen geschickt wurde. Und da bist du nun, mein lieber Tom Sawyer! 26

27 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Und sie fing wieder an, mich abzuschmatzen. Ich konnte es gar nicht glauben: Sie hielten mich fr meinen Freund Tom Sawyer. Die Frau war die Schwester von Toms Mutter und von seiner Tante Polly! Ausgerechnet heute erwarteten sie Tom mit dem nchsten Dampfer! Also sprach ich sie mit Tante Sally und Onkel Silas an und tat so, als ob ich Tom wre, was mir gar nicht schwerfiel. Aber was wrde passieren, wenn der echte Tom auftauchte? Ich musste unbedingt zur Dampferanlegestelle! Nach einigem Hin und Her erlaubte mir Onkel Silas, allein mit der Maultierkarre hinzufahren. Ich hatte noch nie eine Karre gelenkt und das Maultier merkte das. Es blieb dauernd stehen und machte berhaupt, was es wollte. Ich hrte den Dampfer tuten, da war ich noch meilenweit weg vom Fluss. Schlielich kam mir Tom mit zwei groen Reisetaschen entgegen. Als er mich erblickte, machte er einen Satz rckwrts und rief: Huck? Du bist doch tot oder? Wenn du ein Geist bist, bitte tu mir nichts! Ich bin kein Geist, sagte ich. Schnell erzhlte ich ihm alles. Wie ich fortgelaufen war, wie ich Jim getroffen hatte, wie wir an Cairo vorbeigefahren waren und wie die beiden Gauner Jim verkauft hatten. Ausgerechnet an Toms Onkel Silas! Und ich bin hier, um Jim zu befreien! Tom kutschierte uns zurck zur Farm. Aber wenn ich Tom bin, fragte ich, wer bist dann du? Ganz einfach, antwortete Tom. Ich bin mein Bruder Sid. Wir tun einfach so, als sollte das eine berraschung sein. Es war wirklich eine berraschung. Tante Sally ksste und umarmte Tom-Sid genauso wie mich und Onkel Silas schttelte nur immer den Kopf. Inzwischen war es Zeit fr das Abendbrot, Tante Sally hatte frisches Brot gebacken und ein Huhn geschlachtet. Tom-Sid erzhlte das Neueste von zu Hause. Als wir gegessen hatten, beobachtete ich, wie Tante Sally die Reste in eine Schssel tat und damit ber den Hof zum Holzschuppen ging. Sie schloss auf, reichte die Schssel hinein und schloss die Tr wieder ab. 27

28 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Da ist Jim drin!, flsterte ich Tom zu. An der Anlegestelle haben sie erzhlt, ihr habt einen Sklaven gekauft, sagte Tom zu seinem Onkel. Ja, meine kluge Frau hat mich zu einem Schachzug berredet. Als der Schwarze in der Stadt zum Verkauf stand, hat sie ihn wiedererkannt, weil sie ihn vorigen Sommer bei der Witwe Douglas gesehen hat, als sie bei euch zu Besuch war. Tante Polly hat ihr doch geschrieben, dass der Sklave der Witwe entlaufen ist. Ich hab ihn billig gekauft und will ihn zurckbringen, um die Belohnung zu kassieren. Das ist so viel Geld, dafr knnen wir uns noch ein Stck Land kaufen. In der Dachkammer, wo wir schlafen sollten, packten wir die beiden Reisetaschen aus und taten so, als wrde jedem von uns eine gehren. Mitten in der Nacht, als Onkel und Tante endlich schliefen, schlichen wir uns ber den Hof zum Schuppen. Jim, bist du da drin?, flsterte ich. Wir sind es, Huck und Tom. Wir wollen dich befreien, damit du endlich nach Cairo fahren kannst. Na, Jim staunte nicht schlecht, dass wir beide hier waren! Er hatte sich schon damit abgefunden, zurckgebracht und bestraft zu werden. In der nchsten Nacht begannen Tom und ich einen unterirdischen Gang zu graben. Wir fingen hinter der Scheune an und arbeiteten uns jede Nacht ein Stckchen zum Schuppen voran. Das Einstiegsloch deckten wir mit Germpel zu. Schon am dritten Tag fragte uns die Tante, ob wir vielleicht krank wren. Silas, findest du nicht auch, dass die beiden ziemlich blass sind? Und was sie fr dunkle Ringe unter den Augen haben, als ob sie ganz schlecht schlafen wrden. Gehts euch wirklich gut, Jungs? Wir beruhigten sie, aber es ging uns nicht gut. Jede Nacht schufteten wir wie die Sklaven. Das Holzhacken bei der Witwe war dagegen ein Kinderspiel gewesen! Die Tante schlachtete wieder ein Huhn und zwang uns, die ganze Brhe zu trinken, damit wir wieder zu Krften kmen. Wir konnten sie nicht davon abhalten, einen Brief an ihre Schwester Polly zu schreiben. Jetzt im Herbst war die Ernte eingebracht. Aber Onkel und Tante hatten trotzdem den ganzen Tag zu tun. Sie hatten keine Sklaven und mussten die ganze Arbeit auf der Farm alleine schaffen. Tom und mich lieen sie nicht helfen. Wir sollten viel Milch trinken, die gute Landluft atmen und uns erholen, weil wir doch so elend aussahen. 28

29 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Im Vergleich zu der Farm der Grangerfords herrschte bei Onkel und Tante Phelps ein ziemlich bescheidenes Leben. Sie brauchten dringend einen neuen Stall, hatten aber nicht genug Geld. Jetzt hatten sie ihre Ersparnisse ausgegeben, um Jim zu kaufen, und hofften auf die groe Belohnung. Wir aber gruben uns jede Nacht ein Stck nher an Jims Freiheit heran und ihre Belohnung wrden sie niemals kriegen! Zwei Nchte spter war es endlich geschafft! Eine Stunde vor Sonnenaufgang durchstieen wir den Lehmboden im Schuppen. Jim fuhr erschrocken aus dem Schlaf, als wir uns genau neben ihm aus der Erde erhoben. Er dachte, ein wildes Tier htte es auf ihn abgesehen. Beeil dich, Jim, flsterte Tom. Wir mssen weg sein, bevor die Sonne aufgeht. Wir hatten vor, uns zum Fluss durchzuschlagen, bis zu dem versteckten Flo. Ich wollte mit Jim wegfahren. Tom wrde zurckgehen und seinen Verwandten alles erklren. Zuerst wollte Jim nicht mit. Er hatte es einfach satt, immer auf der Flucht zu sein. Meine Familie sehe ich sowieso nie wieder, murmelte er verzweifelt. Lasst mich einfach hier, Jungs. Aber Tom berredete ihn und schlielich krochen wir alle drei in das Loch. Der Gang war ziemlich eng. Jim blieb zweimal stecken, wir schoben und zogen ihn. Endlich waren wir drauen. Aber als wir aus dem Loch krabbelten, sagte jemand mit drohender Stimme: Hnde hoch! Ganz langsam aufstehen! Im allerersten Tageslicht ragte eine dunkle Gestalt vor uns auf, ein groer Mann, der sein Gewehr auf uns richtete. Freiheit fr Jim Onkel Silas!, rief Tom. Nicht schieen, wir sind es! Meine Gte!, sagte der Onkel. Knnt ihr mir mal erklren, was das bedeuten soll? Ich habe gedacht, einer von den Nachbarn will mir meinen Sklaven stehlen und sich selber die Belohnung verschaffen. Widerstandslos lie sich Jim von Onkel Silas fesseln und im Schweinestall ein- sperren. Dann saen wir mit Onkel und Tante in der Kche, und ich hatte ein ganz schlechtes Gewissen. Toms Verwandte hatten mich versorgt und gefttert und sich um mich gekmmert, als wre ich ihr eigenes Kind. Und ich? Ich hatte sie von Anfang an nur belogen und wollte ihnen auch noch das Wertvollste stehlen, was sie hatten: den Sklaven Jim. Tom dagegen zeigte berhaupt keine Gewissensbisse. Er plapperte wie ein Mhlrad und erzhlte unsere ganze Geschichte. Aber Onkel und Tante guckten uns so enttuscht an, dass ich lieber die Augen senkte. 29

30 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Auf einmal rappelte es auf der Veranda, und wer kam herein? Toms Tante Polly mit einem riesigen Koffer. Sie hatte Tante Sallys Brief bekommen und kein Wort verstanden. Wieso Tom und Sid? Wo Sid doch die ganze Zeit bei mir zu Hause war! Und wieso ist Tom krank? Also hab ich meinen Koffer gepackt und den nchsten Dampfer genommen. Dann schaute sie mich an, mit einem Blick, so scharf wie ein Kchenmesser. Huckleberry Finn! Wieso wundert es mich gar nicht, dass du der zweite Junge in dieser seltsamen Geschichte bist? Ich hab sowieso nicht geglaubt, dass du tot bist. Und die Witwe Douglas hat das auch nicht geglaubt. Und dann erzhlte Toms Tante Polly etwas ganz unglaublich Wunderbares! Jim war frei! Jawohl, er war ein freier Mann, und wir htten uns die ganze Graberei sparen knnen. Die Witwe Douglas war nmlich vor ein paar Tagen gestorben. In ihrem Testament hatte sie Jim die Freiheit geschenkt, weil er so lange fr sie gearbeitet hat. Und noch etwas hat sie in ihrem Letzten Willen verfgt, sagte Tante Polly und schaute mich immer noch so durchdringend an. Alles, was sie besitzt, soll Huck Finn gehren. Ihr Geld, das Haus, alles. Da saen wir nun, Tom und ich, und kriegten kein Wort heraus. Bis Onkel Silas aufstand und meinte: Dann werden wir den freien Mann mal aus dem Schweinestall holen. Der Rest von der Geschichte ist schnell erzhlt. Der Rechtsanwalt der Witwe hatte Tante Polly einen amtlichen Brief mitgegeben, damit sie Jim ohne Schwierigkeiten zurck nach Hause bringen konnte. Und auf der Fahrt mit dem Dampfer zu ihrer Schwester hatte sie sich etwas berlegt. Huck Finn! Was hltst du davon, mit mir nach Hause zurckzukommen und bei mir zu wohnen? Du kannst ja schlielich nicht mutterseelenalleine in dem Haus der Witwe Douglas hausen! Am liebsten wre ich ihr um den Hals gefallen! Erst erzhlt sie mir, dass ich geerbt habe, und dann soll ich noch mit meinem Freund Tom unter demselben Dach wohnen! Dafr wrde ich mir sogar ein bisschen Mhe geben und so tun, als ob ich ein anstndiger Junge wre. Wir packten unsere Sachen zusammen. Der Onkel brachte uns alle zum Dampfer. Jim konnte sein Glck noch gar nicht fassen. Ich steige in Cairo vom Dampfer und suche mir Arbeit!, sagte er. Aber Jim!, antwortete ihm Tante Polly. Du bist frei, du kannst gehen, wohin du willst! Pltzlich hatte ich einen Einfall. Wenn mich Tante Polly bei sich aufnahm, brauchte ich doch das Haus der Witwe gar nicht! Wir verkaufen das Haus, dann knnen wir Jims Familie freikaufen!, platzte ich heraus. 30

31 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Onkel Silas sagte: Nun sind ja alle fein raus! Nur ich habe meine Ersparnisse verloren und die Belohnung noch dazu. Da hatte ich den nchsten Einfall. Auf dem Flo lag doch noch das Geld von den zwei Betrgern! Wir wrden sowieso nie rauskriegen, wem es eigentlich gehrte. Warum sollte es nicht Onkel Silas nehmen? Ich beschrieb ihm, wo das Flo lag. Dann verabschiedeten wir uns und bestiegen den Dampfer. Ein bisschen graulte ich mich davor, ein ordentlicher Junge zu werden. Aber zusammen mit meinem Freund Tom Sawyer wrde ich das schon durchhalten! 31

32 Mein Papa liest vor und meine Mama auch! Neugierig geworden? Sie knnen das Buch im Buchhandel erwerben oder in Ihrer rtlichen Bcherei ausleihen! Mark Twain Neu erzhlt von Maria Seidemann Markus Zller (Illustrationen) Huckleberry Finns Abenteuer 2011 Arena Verlag GmbH, Wrzburg ISBN: 978-3-401-06631-8 Gebundene Ausgabe: 88 Seiten Hat Ihnen unsere Geschichte gefallen? Wir freuen uns ber Ihre Rckmeldungen; schicken Sie uns gerne auch die Meinungen Ihrer Kinder unter: [email protected] 32

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